Wirtschaftsförderung hat in vielen Köpfen immer noch ein Imageproblem. Das Wort klingt nach Broschüren, Bestandslisten und „Melden Sie sich gern“. Die Realität ist längst eine andere oder sie muss es dringend werden.
Denn heute gilt: Standorte konkurrieren nicht nur um Unternehmen, sondern um Tempo, Talent und Technologie. Und die entscheidende Frage lautet nicht mehr: „Wer hat die schönsten Gewerbeflächen?“ Sondern: Wer macht es für Unternehmen am einfachsten, zu investieren, zu wachsen und zu innovieren?
Genau darüber habe ich im Interview mit Benjamin Bendin (Wirtschaftsförderung Neubrandenburg) gesprochen und daraus entsteht dieser Blick: Was Neubrandenburg bereits tut, was andere Städte vormachen und welche Stellschrauben jetzt über Digitalisierung und KI entscheiden.
1) Was die Wirtschaftsförderung Neubrandenburg heute schon richtig macht
Wenn man Wirtschaftsförderung auf den Punkt bringen will, ist das hier die Kernfrage:
Wie nah bist Du dran an den echten Problemen der Unternehmen und wie schnell wirst Du wirksam? Bei Neubrandenburg fällt auf: Der Ansatz ist praxisnah und ansprechpartner-orientiert.
Der „Kernservice“, den Unternehmen wirklich spüren; aus öffentlich kommunizierten Leistungsbausteinen der Wirtschaftsförderung Neubrandenburg lassen sich mehrere klare Schwerpunkte erkennen:
– Unternehmensservice & Beratung: Unterstützung bei Fragen rund um Genehmigungen, Fördermittel, Standortentwicklung, Digitalisierung, Fachkräfte, ausdrücklich „unkompliziert und praxisnah“.
– Bestandspflege: Bestehende Unternehmen werden als „Rückgrat“ des Standorts verstanden, mit regelmäßigem Dialog, frühem Aufgreifen von Themen und Vermittlung passender Kontakte/Lösungen.
– Vernetzung & Austausch: Unternehmen werden gezielt mit Verwaltung, Netzwerken und Kooperationspartnern verbunden; Ziel: „Wege verkürzen, Hürden abbauen, Chancen sichtbar machen“.
– Unternehmensbesuche: Der direkte Austausch (u.a. Unternehmensbesuche) wird als zentraler Bestandteil genutzt, um reale Bedarfe zu sehen und passgenauer zu unterstützen.
Das klingt erst einmal „normal“. Ist es aber nicht. Denn viele kommunale Wirtschaftsförderungen scheitern nicht am Willen, sie scheitern am System: zu wenig Kapazität, zu viele Schnittstellen, zu viel Zuständigkeitsschach. Die Stärke eines Standorts zeigt sich deshalb nicht im Flyer, sondern in einem Satz:
„Wir sind Erstansprechpartner, unabhängig von Größe oder Branche.“
Das ist genau die Haltung, die Unternehmen brauchen: ein Eingang, nicht fünf Telefonnummern.
2) Blick über den Tellerrand: Was führende Städte anders (und oft besser) machen
Neubrandenburg macht bereits vieles richtig, trotzdem lohnt der Vergleich. Denn in Deutschland gibt es Städte, die Wirtschaftsförderung konsequent als Wettbewerbsinstrument verstehen.
Best Practice 1: One-Stop heißt wirklich „One-Stop“
Hamburg positioniert seine Wirtschaftsförderung ausdrücklich als One-Stop-Agency für Investitionen, mit einem umfassenden, kostenlosen Service von Standortberatung über Immobilien-/Flächenservice bis zur Begleitung von Investorenprojekten. Das Entscheidende ist nicht das Marketingwort „One-Stop“. Entscheidend ist: Unternehmen sollen nicht durch den Verwaltungsdschungel laufen, sondern ein Team läuft mit ihnen.
Ein ähnliches Prinzip findet sich auch auf Landesebene (Brandenburg) als „One-Stop-Agency“ für Ansiedlung / Bestandsentwicklung / Innovation / Energieberatung „aus einer Hand“.
Lernpunkt für kommunale Standorte: One-Stop ist kein Portal. One-Stop ist ein Prozess.
Best Practice 2: Service heißt auch „Genehmigungen beschleunigen“
KölnBusiness beschreibt sehr konkret, was Unternehmen erwarten: Unterstützung bei Anträgen/Verwaltungsfragen, Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, Hilfe bei Flächen/Immobilien, Beratung zu Finanzierung/Förderung und Vernetzung. Das ist modern, weil es an den Schmerzpunkten ansetzt. Denn viele Investitionen scheitern nicht am Geld, sondern am Zeitverlust. Und Zeitverlust ist Standortverlust.
Provokante Wahrheit:
Wenn ein Unternehmen Monate wartet, während andere Städte Wochen liefern, ist das keine Bürokratiefrage, das ist Wirtschaftspolitik.
Best Practice 3: Wirtschaftsförderung als Transformationsbegleiter
Stuttgart formuliert den Auftrag der Wirtschaftsförderung explizit als Unterstützung der Transformation der Wirtschaft als zentraler Ansprechpartner für Unternehmen, Start-ups, Investoren und Fachkräfte. Das ist ein wichtiger Perspektivwechsel: Wirtschaftsförderung ist nicht nur „Ansiedlung“, sie ist Zukunftsfähigkeit am Standort.
Best Practice 4: Gründungen und Innovation als Standortmotor
München bietet beispielsweise kostenfreie Gründungsberatung durch die Wirtschaftsförderung. Leipzig hat mit dem SpinLab einen sehr sichtbaren Startup- und Skalierungsbaustein im Ökosystem.
Lernpunkt:
Gute Wirtschaftsförderung baut nicht nur Gewerbegebiete, sie baut Ökosysteme.
3) Zukunft: Warum Digitalisierung und KI zur Standortfrage Nummer 1 werden
Der nächste Sprung in der Standortkonkurrenz ist bereits da:
Digitalisierung ist Wirtschaftsförderung und strukturelles Muss. Das ist nicht nur „Smart City“-Rhetorik. Es ist Realität. Denn die Unternehmen der nächsten Jahre fragen nicht nur nach Flächen, sondern nach:
Der Bund beschreibt in seinem „Stufenplan Smarte Städte und Regionen“ Digitalisierung als zentralen Hebel, um Kommunen digital handlungsfähig zu machen, Lösungen zu skalieren und kooperative Strukturen aufzubauen. Und aus Digitalisierungs-Best-Practice-Analysen (u.a. KfW/IW Köln) kommt ein wiederkehrender Punkt: One-Stop-Ansätze und echte digitale Prozesse (z.B. Online-Gründung, sichere digitale Identität) sind Schlüssel, wenn Bürokratie nicht zum Innovationskiller werden soll.
Was heißt das konkret für Städte wie Neubrandenburg?
Hier sind die Zukunfts-Stellschrauben, die über Standortattraktivität entscheiden, unabhängig von Stadtgröße:
Fazit: Wirtschaftsförderung ist kein Nebenschauplatz, sie ist Standortstrategie
Neubrandenburg zeigt bereits viele richtige Bausteine: praxisnahe Beratung, Bestandspflege, Vernetzung, Unternehmensbesuche, kurze Wege.
Das ist eine solide Basis.
Der nächste Schritt ist die konsequente Weiterentwicklung zur digitalen, tempoorientierten, transformationsfähigen Wirtschaftsförderung, wie es führende Standorte vormachen: One-Stop, Genehmigungsbeschleunigung, Ökosystemarbeit, digitale Prozesse.
Und jetzt die provokante These zum Schluss:
Der Standort der Zukunft gewinnt nicht, weil er am lautesten wirbt, sondern weil er am schnellsten hilft.
🎥 Hier geht’s zum kompletten Gespräch mit Benjamin Bendin.
Autor: Christian Atzl
Datum: 14.01.2026
ATZL. – Der Talk für Wandel, Wirtschaft und Vision.
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