Der Industriestandort Deutschland steht an einem Kipppunkt. Nicht, weil es an Technologie fehlt, nicht, weil es an Ideen mangelt, sondern weil wir uns zu lange in Debatten verloren haben, die an der industriellen Realität vorbeigehen.
Im Gespräch mit Dr. Andreas Dikow, langjähriger Industriepraktiker und heutiger REFA-Experte, wird deutlich:
Die Herausforderungen sind nicht neu, aber sie werden dringlicher. Und sie lassen sich nicht mit einfachen Antworten lösen.
„Wir sind 80 Millionen Menschen“, sagt Dikow.
„Wer glaubt, wir könnten wirtschaftlich autark funktionieren, hat Industrie nicht verstanden.“
Diese Aussage trifft einen wunden Punkt in der aktuellen politischen Diskussion. Der Wunsch nach Abschottung, nach nationaler Selbstversorgung, nach einem Rückzug aus globalen Abhängigkeiten mag emotional verständlich sein, wirtschaftlich ist er nicht tragfähig. Industrie lebt von internationalen Absatzmärkten, arbeitsteiliger Wertschöpfung, offenen Handelsbeziehungen und europäischer Integration. Ein Land mit der industriellen Struktur Deutschlands kann nicht „nur für sich“ produzieren. Wer das versucht, gefährdet nicht nur Wachstum, sondern bestehende Arbeitsplätze, Investitionen und Innovationskraft.
Autarkie ist kein Zukunftskonzept. Sie ist ein Rückschritt in einer global vernetzten Wirtschaft.
Der Fachkräftemangel ist real. Aber er erklärt nicht alles.
Was in vielen Unternehmen ebenso spürbar ist, ist eine zunehmende Erwartungshaltung, die Dikow pointiert als „Vollkasko-Mentalität“ beschreibt: Nämlich die Annahme, dass Weiterentwicklung, Qualifizierung und Zukunftssicherung primär Aufgabe des Arbeitgebers seien, möglichst ohne eigenes Risiko, ohne Eigeninitiative.
Wichtig dabei ist:
Das ist kein Generationenproblem. Diese Haltung findet sich bei Berufseinsteigern ebenso wie bei langjährigen Fachkräften. Häufige Ursachen sind fehlende Orientierung in Zeiten permanenter Veränderung, unklare Perspektiven und die Erfahrung, dass Engagement nicht sichtbar oder wirksam wird. Wer nur auf „den Arbeitsmarkt“ oder „die Mentalität“ zeigt, greift zu kurz. Denn diese Haltung entsteht nicht im luftleeren Raum, sie ist das Ergebnis von Strukturen, Führung und Kommunikation.
In Gesprächen mit Unternehmen zeigt sich immer wieder, dass Mitarbeitende nicht permanent motiviert werden wollen, sie wollen verstehen. Verstehen,
Wo diese Orientierung fehlt, entstehen Unsicherheit, Rückzug und Erwartungshaltungen. Wo sie vorhanden ist, entsteht Eigenverantwortung. Das ist kein „Soft Skill“. Das ist eine zentrale Führungsaufgabe in der Transformation.
Automatisierung, KI, Robotik und Digitalisierung verändern industrielle Prozesse grundlegend. Doch Technik allein macht Unternehmen nicht zukunftsfähig. Was oft unterschätzt wird ist, mit jeder technologischen Veränderung verändern sich auch Rollen, Anforderungen und Verantwortlichkeiten. Und wenn diese Veränderungen nicht begleitet werden, entsteht Widerstand, nicht aus Ablehnung, sondern aus Überforderung. Industrie braucht heute Führung, die diese Veränderungen erklärt und nicht nur ankündigt, die Beteiligung ermöglicht, anstatt Anpassung zu erwarten und die Verantwortung teilt, statt sie zu verlagern.
Transformation scheitert also selten an der Technologie, sondern sie scheitert an fehlender Einbindung.
Deutschland diskutiert viel über Industriepolitik, Energiepreise, Transformation und Wettbewerbsfähigkeit. Was Unternehmen jedoch oft vermissen, ist Verlässlichkeit. Nicht jede Entscheidung muss gefallen, aber sie muss nachvollziehbar, langfristig und umsetzbar sein. Daher brauchen Unternehmen stabile Rahmenbedingungen, realistische Übergangsszenarien und Zeit und Planungssicherheit für Investitionen. Der Transformationsdruck ohne wirtschaftliche Tragfähigkeit führt nicht zu Innovation, sondern eher zur Verlagerung.
Ein Punkt, den Dr. Dikow besonders betont ist, Industriepolitik ist immer auch Kommunalpolitik. Ob Unternehmen investieren, erweitern oder bleiben, entscheidet sich oft an ganz praktischen Fragen:
Kommunen sind keine Randakteure. Sie sind zentrale Ermöglicher industrieller Zukunft.
Viele Unternehmen erkennen diese Zusammenhänge längst. Was fehlt, ist oft nicht der Wille, sondern ein strukturierter Weg. Es bedeutet die bestehenden Arbeitsweisen zu hinterfragen, Führung neu zu denken, Mitarbeitende mitzunehmen und Veränderung arbeitsfähig zu gestalten.
Genau hier zeigt sich, wie wertvoll begleitete Veränderungsprozesse sein können, insbesondere dann, wenn sie praxisnah, beteiligungsorientiert und gefördert sind. Programme wie INQA-Coaching setzen genau an dieser Stelle an. Sie unterstützen Unternehmen dabei, Arbeitskultur, Führung und Organisation zukunftsfähig weiterzuentwickeln, gemeinsam mit den Beschäftigten und ohne theoretische Überfrachtung. Nicht als Beratung „von außen“, sondern als strukturierter Entwicklungsprozess.
Wenn man das Interview mit Dr. Dikow auf zentrale Handlungsfelder verdichtet, ergeben sich klare Stellschrauben:
Deutschland hat weiterhin beste Voraussetzungen als Industriestandort, aber diese Stärke ist kein Naturgesetz. Sie muss jeden Tag neu erarbeitet werden, in Unternehmen, in Führung, in Politik und in den Regionen.
Oder, wie Dr. Dikow es so schön formuliert:
Krisen wünscht man sich nicht, aber sie zwingen zur Neubesinnung.
Die entscheidende Frage ist also nicht, ob wir vor großen Veränderungen stehen, sondern, ob wir sie gestalten, oder von ihnen gestaltet werden.
Industrie im Wandel
Im Gespräch erläutert Dr. Andreas Dikow, warum der Industriestandort Deutschland an einem Wendepunkt steht, welche strukturellen Herausforderungen Unternehmen wirklich belasten und welche Rolle Führung, Orientierung und realistische Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Transformation spielen.
🎥 Hier geht’s zum kompletten Gespräch mit Dr. Andreas Dikow.
Autor: Christian Atzl
Datum: 22.12.2025
ATZL. – Der Talk für Wandel, Wirtschaft und Vision.
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